Die Geschichte des Raumkampfes

Aus Honor Harrington Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Raumkämpfe werden im Honorverse von physikalischen Gesetzen und technischen Gegebenheiten und Beschränkungen bestimmt. Um zu verstehen, warum Raumgefechte einem bestimmten Schema folgen, ist es von Bedeutung, die Geschichte dahinter zu kennen.


Zunächst einige unveränderbare Tatsachen:

1. Im Weltall gibt es keinen Horizont. Somit hat die Seite einen Vorteil, deren Waffen weitreichender und gleichzeitig treffsicherer sind, da es eine frühere Feuereröffnung ohne Eigengefährdung ermöglicht.

2. Raumschiffe erreichen hohe Geschwindigkeiten, können aber nicht "mal eben" die Richtung ändern oder anhalten. Sie bewegen sich entlang von Vektoren und jede Richtungsänderung ist eine kurvenförmige Bahnbewegung, jede Beschleunigung eine Beschleunigung in und jedes Abbremsen eine Beschleunigung gegen die aktuelle Flugrichtung.

3. Impellerkeile sind für Waffenfeuer undurchdringlich und beschränken die möglichen Angriffsrichtungen und auch verwundbaren Stellen auf Vorn, Hinten und beide Seiten. Ober- und Unterseite eines Raumschiffes sind bei aktiviertem Impeller praktisch nicht angreifbar.

4. Die Stärke der Partikelschilde entscheiden über die maximale Höchstgeschwindigkeit. Da das All nicht leer ist, müssen diese Schilde das Schiff permanent vor besagten Partikeln, die von Staubkörnern bis zu Kleinmeteoriten reichen, abschirmen. Je höher die Geschwindigkeit, desto stärker werden die Schilde belastet. Brechen die Schilde zusammen, hat jeder Mikrometeorit das Potenzial, das Schiff durch die kinetische Wucht des Zusammenstoßes zu beschädigen oder sogar zu zerstören. Die allgemein mögliche Höchstgeschwindigkeit eines militärischen Raumschiffes beträgt das 0,7fache der Lichtgeschwindigkeit c.

5. Technisch könnte ein Schiff mit mehreren zehntausend Gravos praktisch innerhalb von Sekunden auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Dabei würde die Besatzung jedoch in einem Wimpernschlag getötet, die Schilde würden zusammenbrechen und der Antrieb nach wenigen Sekunden wegen Überlastung ausbrennen. Um die Beschleunigungskräfte zu kompensieren, besitzt jedes Schiff einen Trägheitskompensator. Dessen Leistungsfähigkeit entscheidet über die maximal mögliche Beschleunigung des Schiffes. Bei gleichem Kompensator beschleunigt ein kleineres Schiff höher als ein Größeres, nimmt damit pro Sekunde mehr Geschwindigkeit auf als sein Verfolger und kann schneller die Maximalgeschwindigkeit erreichen, womit es dem größeren Schiff "davonlaufen" und sich somit einem Gefecht entziehen kann, es sei denn, das größere Schiff schafft es, unbemerkt auf einem bestimmten Vektor so nah heranzukommen, dass das kleinere Schiff nicht mehr rechtzeitig seinen Kurs ändern kann und in die Waffenreichweite des größeren Schiffes getragen wird.

6. Je größer der Abstand zwischen zwei Objekten ist, um so größer ist der "Zeitlag", eine Verzögerung in nicht-überlichtschneller Kommunikation und Ortung, die aus der lichtschnellen Übertragung von Funk-, Radar-, Radio- und Lichtwellen resultiert. Bei einer Distanz von 300.000 km beträgt er eine Sekunde (einfache Richtung), bei 6.000.000 km schon 20 Sekunden (einfache Richtung). Lediglich Gravitationssensoren und FTL-Komsysteme unterliegen diesem Zeitlag nicht (Letztere sind aber 1922 PD noch nicht allgemeiner Standard).


Militärische Doktrin zu Beginn der Raumfahrt

Zu Beginn der Raumfahrt setzten alle beteiligten Fraktionen sehr primitive Raumschiffe ein, die kaum die Größe einer Korvette erreichten und nur sehr beschränkte Kapazitäten aufwiesen. Der größte Teil des verfügbaren Platzes wurde von den gewaltigen Triebwerken belegt, gefolgt von Energieerzeugersystemen, Treibstoffbunkern, Besatzungssektionen und Abschirmungen gegen Strahlung und Partikel. Infolgedessen blieb nur wenig bis gar kein Platz für Waffensysteme. Die einzige praktikable Waffe waren zudem extrem kurzreichweitige, mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen, die direkte Treffer erzielen mussten, um Wirkung zu zeigen und von Maschinenkanonen abgefangen werden konnten. Von gezielter militärischer Raumfahrt zu sprechen ist damit übertrieben, da praktisch keine Nation in der Lage und Willens war, sich Raumstreitkräfte zuzulegen, befanden sich alle möglichen Gegner doch auf dem gleichen Planeten. Lediglich die von supranationalen Organisationen betriebenen Polizeitruppen (wie der von der Erdunion betriebene Custom Service) besaßen überhaupt bewaffnete Raumschiffe, die lediglich in seltenen, kleineren Scharmützeln überhaupt ihre einfachen Waffen einsetzen mussten. (HHA6)

Als die Menschheit schließlich 2103 CE die Grenzen ihres Sonnensystems überwand und zu den Sternen aufbrach, geschah dies mit unterlichtschnellen Schiffen, die zunächst über simple Schubmotoren, dann über Plasma- und schließlich Photonentriebwerke verfügten. Die enormen Distanzen zwischen den Sonnensystemen bedeuteten zugleich eine wirkungsvolle Isolation der einzelnen Kolonien voneinander, was bewaffnete Konflikte, so sie denn auftraten, auf interne Konflikte innerhalb einer Kolonie auf die planetare Oberfläche und - sofern die Raumfahrtfähigkeit erhalten geblieben war - die unmittelbare Umgebung einer Kolonie beschränkte.


Impeller, Segel und Kompensator - 725 bis 1384 PD

Dann, im Jahre 725 PD wurde im Sol-System der erste, simple Hyperantrieb getestet. Die ersten Hyperschiffe waren mörderische Fahrzeuge und die Verlustraten enorm, was Hyperreisen unattraktiv machte und interstellaren Handel weiterhin verhinderte. Allerdings reichte die neue Fortbewegungsmethode, die immerhin 50 mal so schnell wie Normalraumreisen war aus, um mit der Solaren Liga das erste interstellare Staatswesen zu gründen, das sich auf etwa 90 Lichtjahre rund um das Sol-System erstreckte. Bis 1246 PD blieben die Kolonien jedoch weiterhin größtenteils voneinander isoliert. In besagtem Jahr 1246 PD wurde auf Beowulf das erste phasengesteuerte Gravitationstriebwerk entwickelt. Es sollte unter der Bezeichnung Impellerantrieb in die Geschichte eingehen und zusammen mit dem 1273 PD erfundenen Warshawski-Segel und dem 1384 entwickelten Trägheitskompensator die Geschichte der Menschheit - und der Kriegsführung - entscheidend verändern.

Der Impellerantrieb beseitigte das Problem der Energieversorgung während des Raumfluges, indem er bis zu 60% der benötigten Energie aus dem Hyperraum zieht, und ermöglicht beliebig hohe Beschleunigungswerte, ganz so, wie Besatzung und Schiff ertragen können. Das Warshawskisegel wiederum ermöglichte die gleichen Effekte für die interstellaren Reisen im Hyperraum und zieht zudem die gesamte benötigte Energie aus der Hyperraumumgebung, wodurch ein Schiff im Hyperraum technisch unbegrenzt weit fliegen kann. Damit war der Kontakt zwischen den Kolonien wiederhergestellt und der interstellare Handel begann.

Unglücklicherweise bedeutete dies auch, dass die menschliche Fähigkeit, seine Nachbarn mit Krieg zu überziehen, wiederhergestellt wurde. Nach Jahrhunderten, in denen man sich nicht aneinander reiben konnte, waren etwaige Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Sonnensystemen völlig unbekannt. Doch das Wesen der Menschen hatte sich nicht geändert und die Reichtümer, die in den Bäuchen der Transportschiffe bewegt wurden, weckten Begehrlichkeiten und wohlhabende Kolonien glichen reichen Städten, deren arme Nachbarn neidisch herüberblickten. Es war fast unausweichlich, dass die ersten überlichtschnellen Impellerkampfschiffe in der Hand von Piraten, Söldnern und Freibeutern auftauchten, vor allem erstere entwickelten sich rasch zu einer Plage und zwangen die einzelnen Kolonien, sich reguläre, hyperraumfähige Systemverteidigungskräfte zuzulegen. Diese frühen Raumflotten waren bemerkenswert erfolgreich in der Verfolgung und Vernichtung von Piraten, doch einmal aufgestellt verschwanden sie nach Beseitigung dieser Bedrohung nicht etwa wieder, sondern führten bald ein Eigenleben. Mit der Erfindung des Warshawskisegels kehrten dann endgültig die alten Zwiste um Bodenschätze, Handelsinteressen und Raumkontrolle zurück und die Entdeckung von Wurmlochknoten und Wurmlochbrücken mit ihren enormen wirtschaftlichen und militärischen Möglichkeiten bot einen völlig neuen Grund für Rivalität.


Aus Sicht des militärischen Geistes war dabei interessant, dass der Impellerantrieb die Natur des Raumgefechts entscheidend veränderte, indem er Ober- und Unterseite eines Schiffes unangreifbar machte und die seitlichen Lücken zwischen den Impellerkeilen sich mit schwächeren, aber dennoch enorm starken Seitenschilden schließen ließen, womit ein Schiff lediglich von vorn und achtern angreifbar war, wobei das Angriffsfenster achtern sehr viel kleiner ist. Damit waren Raumschiffe nun nur noch in sehr begrenzten Bereichen angreifbar und dank des Impellerantriebes zudem viel schneller als zuvor, womit reaktionsgetriebene Raketen militärisch wertlos wurden. Folglich wurden auch sie kompromisslos mit Impellerantrieben ausgerüstet... was das alte Problem der Munitionsbevorratung schlagartig verstärkte, denn die ersten Militärschiffe waren weiterhin sehr klein, die Impellerraketen dafür noch größer als die alten reaktionsgetriebenen Raketen. Damit sank die Zahl der mitführbaren Raketen auf eine Hand voll. Zudem mussten Raketen noch immer direkte Treffer erzielen und ihre Abwehr war weiterhin mit einfachsten, nun "Autokanonen" genannten Flugkörperabwehrgeschützen möglich, während Impellerkeil, Seiten- und Partikelschilde effektive Verteidigungsbarrieren darstellten. Zwar gab es bereits 50 Jahre nach Erfindung des Seitenschildes so genannte Seitenschildbrecher, aber das Munitionsproblem blieb bestehen. Der Impellerantrieb erhöhte zudem die effektive Reichweite von Raketen, was die verfügbaren Steuersysteme überforderte, denn mit zunehmender Entfernung vom Schiff vergrößerte sich dank des "Zeitlags" die Verzögerung in der Feuerleitung. Die Trefferwahrscheinlichkeit sank auf größere Entfernungen enorm, da die Raketen nur noch verzögert reagierten, während die Abwehr mit schrumpfender Entfernung immer effektiver wurde. Hinzu kam das (angesichts der Unangreifbarkeit geringfügigere) Problem, dass der Impellerkeil alle Ortungssysteme blockierte, man also nur nach vorn und achtern zuverlässig orten konnte.

Aufkommen der Energiewaffen

Die Casey-Klasse als Beispiel für ein Militärraumschiff des 15.Jahrhunderts

Neue Waffen mussten her und es gab sie bereits - einfache Energiewaffen, genauer: Laser. Der Vorteil lag auf der Hand: Energiegeschütze benötigen keine Munition, die Energie kommt aus den Schiffsreaktoren, ihre Reichweite war beeindruckend und sie sind lichtschnelle Waffen, gegen die es keine aktive Abwehr gibt. Problematisch war indes, dass kein Laser in der Lage war auf sich gestellt Seitenschilde zu durchbrechen und es sollte Jahrhunderte dauern, bis Energiewaffen dazu in der Lage waren. Da Lasergeschütze zudem sehr groß waren, gab es nur zwei Richtungen, in die sie montiert werden konnten - nach vorn und achtern! Und zum Leidwesen der Militärs ist ausgerechnet in diese Richtungen der verfügbare Platz extrem beschränkt.

Mit dieser Waffenaufstellung war die Doktrin des Raumkampfes neu definiert - impellergetriebene Raumschiffe bekämpften sich bei relativen Geschwindigkeiten, begrenzt durch die Leistungsfähigkeit ihrer Sensoren, Zielerfassungssysteme, Raketen und Laserwaffen, mit ihren Energiewaffen frontal über den Bug. Raketen wurden als "Eröffnungswaffe" genutzt, mit denen sich ein Gegner möglicherweise vor Erreichen der Energiewaffendistanz vernichten oder schwer beschädigen bzw. dessen Seitenschild durchbrechen lies. Zur Verteidigung "duckte" sich ein Schiff hinter den undurchdringlichen Impellerkeil, verlor dabei aber die Gegnerortung. Entscheidend war, welcher Seite als erstes ein klarer Energieschuss auf ihren Gegner gelang.

Da es gegen Energiewaffen keine aktive Abwehr gab, mussten sich Schiffe im Fall der Fälle auf ihre passive Verteidigung verlassen. Damit wurde die Größe eines Schiffes zu einem Faktor für den Ausgang eines Gefechtes - die Größe bestimmte das verfügbare Volumen für Antriebe, Systeme, Bunker, einfach alles. Ein größeres Schiff konnte folglich stärkere Laser, stärkere Schilde, mehr Raketen und dickere Panzerung tragen, war stabiler und bot mehr Raum, in dem sich Treffer "totlaufen" konnten, bevor sie kritische Systeme erreichten. Damit war klar, dass ein kleines Schiff einen größeren Gegner unmöglich oder nur mit sehr viel Glück und Können besiegen konnte. Da ein kleineres Schiff schneller beschleunigte, besaß es den Vorteil der Initiative und so wurde es allgemeine Regel, dass man den Kampf mit größeren Gegnern mied. Ergo wurde - da alles an Bord ein sorgsam austarierter Mix ist - die Schwere der Bewaffnung und Verteidigung so gewählt, dass man sich mit allem bis zur eigenen Größe messen konnte.

Typisch für die Zeit um 1500 PD waren die manticoranische Salamander und Casey Klasse: Schiffe mit Rotationssektion für die Crewquartiere, mit einem einzelnen Laser als über den Bug feuernde Hauptwaffe bzw. je einem nach vorn und achtern feuernden Lasergeschütz, verstärkt durch wenige Raketenwerfer mit wenigen Raketen, verteidigt durch Keil, Schilde und Maschinenkanonen. (HHA6)

Rüstungswettlauf

Der Hammerkopf eines Superdreadnoughts mit der massiven Jagdbewaffnung und der Raketenabwehr

Diese Situation war indes nur eine Zwischenstation, der Wettlauf um die besseren Waffensysteme und besseren Raumschiffe lief auf Hochtouren, da logischerweise niemand gegenüber seinen potentiell missgünstigen Nachbarn ins Hintertreffen geraten wollte. Führend war hierbei die Solare Liga - wenig verwunderlich, war sie doch die größte politische, wirtschaftliche und militärische Entität des bekannten Universums. Technische Innovationen verbreiteten sich wiederum entlang der Handelsrouten und wurden von den kleineren Raumflotten im Rahmen der individuellen Möglichkeiten übernommen.

Die erste bedeutende Verbesserung war die Erfindung der künstlichen Schwerkraft, die die anfälligen Rotationssektionen überflüssig machte und die im Jahr 1900 PD "übliche" Spindelform ermöglichte, die charakteristisch für alle Impellerschiffe ist. Die nächste Innovation waren die so genannten Hammerköpfe, die massive Verbreiterung der Bug- und Hecksektion militärischer Raumschiffe vor den Impellerringen, die fortan das unverwechselbare Erkennungsmerkmal für ein Kampfschiff darstellten. Sie entstanden aus dem Wunsch heraus, mehr und schwerere Waffensysteme nach vorn und achtern ausrichten zu können, um damit einen Wirkungsvorteil gegenüber dem Gegner zu erlangen und auch aus dem Bedürfnis, diese verwundbarsten Bereiche stärker zu panzern. Im Lauf der Zeit wanderte die komplette, nun Jagdbewaffnung genannte Bug- bzw. Heckbewaffnung in die Hammerköpfe.

Der entscheidende militärische Durchbruch war indes die Entwicklung von seitenschildbrechenden Energiewaffen und der Stückpfortentechnologie - ersteres erlaubte es nun, mit Energiewaffen ohne vorherigen Einsatz von Raketen die Seiten eines Gegners anzugreifen, letztere erlaubte die Erzeugung von örtlichen Öffnungen in den Seitenschilden und ermöglichte die Bewaffnung der Breitseiten. Und damit waren die Militärs nun in der Lage, den ganzen bislang ungenutzten Platz entlang der Flanken ihrer Schiffe mit Waffen zu bestücken.

Die Breitseitenarmierung eines manticoranischen Schlachtkreuzers. Zu erkennen ist die Mischung aus Raketenwerfern, Lasern und Grasern auf zwei Batteriedecks, darüber und darunter die Lasercluster der Nahbereichsabwehr und dazwischen die seitlichen Gravitationssensoren und einer von zwei Energietorpedowerfern

Von entscheidender Bedeutung war dabei, dass die Breitseitenbewaffnung es erlaubte, die Waffen aus dem Schutz der Seitenschilde heraus einzusetzen, was die effektive Reichweite und Wirkung der gegnerischen Bewaffnung reduzierte - und gleichzeitig zahlenmäßig wesentlich schwerere Bewaffnung zum Einsatz zu bringen, was die Doktrinen fundamental veränderte: War es bis dahin üblich gewesen, den Gegner frontal anzugreifen, so wurde dies nun die sicherste Methode für einen spektakulären Selbstmord. Denn die Jagdbewaffnung war vom Kaliber her stärker, aber zahlenmäßig wesentlich schwächer als die Breitseitenarmierung und bei einem Frontalangriff verzichtete man auf die eigenen Seitenschilde, was dem Gegner das ungehinderte Feuern mit seiner Breitseite auf größere Entfernung erlaubte - und noch dazu konzentriert entlang der Längsachse, was den Schaden erhöhte.

Das Zeitalter der Energiearmierung

Währenddessen hatte man die Raketen natürlich nicht vergessen. Zwar wurden sie bereits jetzt als den Energiewaffen unterlegen angesehen (was zweifellos stimmte), aber sie besaßen weiterhin einen nicht zu verachtenden Vorteil - ihre vergleichsweise große Reichweite. Während Energiewaffen dank der Seitenschilde auf wenige hunderttausend Kilometer beschränkt sind (üblicherweise eine Lichtsekunde oder weniger), wollen sie eine Chance besitzen, diese zu durchschlagen, erreichten Raketen im Lauf der Zeit durch stetige Verbesserung ihres Antriebs Reichweiten von teils mehreren Millionen Kilometern. Selbst gegen die modernste Abwehr bestand zudem immerhin eine gewisse Chance eines Treffers, der den Gegner vorab beschädigen konnte, was die eigenen Überlebenschancen im letztendlich entscheidenden Energiegefecht erhöhte. Im Flottengefecht merkten die Kommandanten sehr schnell, dass es durchaus Sinn machen konnte, die Raketenbreitseiten mehrerer Schiffe auf ein Ziel zu konzentrieren. Damit wurde eine örtliche Überlastung der gegnerischen Abwehr erreicht und bei Treffern zumindest oberflächlicher Schaden an Sensoren und Waffen angerichtet.

Außerdem waren kleinere Schiffe nicht so stabil wie Wallschiffe und Raketen waren aufgrund ihrer Beschleunigung und Reichweite möglicherweise die einzige Waffe, mit der ein größeres und damit langsamer beschleunigendes Schiff ein kleineres effektiv bekämpfen konnte, zumal mit der Größe des Schiffes auch die Anzahl der verfügbaren Raketenwerfer zunahm. Für Kreuzer, die sich nicht innerhalb starrer Formationen bewegten und zumeist auch nicht gegen massive Abwehr ankämpfen mussten, waren Raketen weiterhin praktikable Waffen gegen andere Kreuzer. Aber allen Verbesserungen zum Trotz blieben Raketen auf die unmittelbare Kontaktwirkung ihrer Atomsprengköpfe beschränkt, mussten zunächst die aktive und dann die passive Abwehr überwinden, um Schaden anzurichten. Wenn sie dann allerdings durchkamen, war die Wirkung nicht zu verachten.

Mit der Reichweitensteigerung kam aber zwangsläufig ein neues Problem: Je weiter eine Rakete vom Mutterschiff entfernt war, um so verzögerter reagierte sie auf Steuerbefehle. Schuld war der "Zeitlag", der aus der Begrenzung auf maximal lichtschnelle Signale resultierte. Und während die Reaktionszeit der Raketen mit steigender Entfernung zunahm, reduzierte sich die der gegnerischen Abwehr im gleichen Maße mit schrumpfender Entfernung.

All das führte dazu, dass Raketen zwar weiterhin Verwendung fanden, begrenzt durch die Anzahl der Raketenwerfer und die massive Abwehr im Kampf aber relativ wirkungslos waren. Bessere Raketen führten automatisch zu einer Verstärkung der Raketenabwehrkapazitäten und umgekehrt und an diesem endlosen Wettlauf, der ein bisschen an die Geschichte vom Hasen und dem Igel erinnerte (wobei die Rakete der Hase war), schien sich nichts ändern zu können. Die Vorteile der Energiebreitseiten waren folglich so überwältigend, dass die Ingenieure die Schiffe auf das Energiewaffengefecht optimierten und dies wurde nun kompromisslos auf die Spitze getrieben.


Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte bis 1800 PD wuchs die Bedeutung der Energieartillerie im Raumkampf beständig, während im gleichen Maße die des Raketenkampfes zurückging. Ebenso wurde damit begonnen, Taktiken zu entwickeln, die der Stärke der Energiearmierung Rechnung trugen. Eine logische Konsequenz der Breitseitenaufstellung war die Anordnung der Kriegsschiffe in Kiellinie, was dann zum Schlachtwall weiterentwickelt wurde, eine dreidimensionale, kompaktere Form der Kiellinie, in der mehrere "Linien" übereinander angeordnet wurden und somit einen "Wall" im All bildeten, der genau ein Schiff dick war. Damit war es möglich, die gesamte verfügbare Bewaffnung auf engstem Raum einzusetzen und Offensiv- wie Defensivfeuer zu massieren.

Da die ganze Flotte in Formation nur so schnell war wie das langsamste Schiff, wurde die Beschleunigung bei der Entwicklung von Schiffen für die Hauptkampflinie als nachrangig eingestuft. Dafür wurden auf Bewaffnung und Standfestigkeit (die Fähigkeit des Schiffes, Beschuss auszuhalten) Wert gelegt. Als Konsequenz dieser Entwicklung entstanden aus den schnellen, wendigen und zerbrechlicheren Kreuzern zunächst die Schlachtschiffe, die ersten so genannten Wallschiffe, gewaltige, Multimillionentonnen schwere Raumschiffe mit enormer Bewaffnung und enormer Widerstandskraft. Waren Zerstörer und Kreuzer noch so genannte "Eindecker", bei denen die Bewaffnung auf einem Deck konzentriert war, waren schwerere Einheiten ab Schlachtkreuzergröße als Zweidecker konzipiert, von Bewaffnung, Beschleunigungseigenschaften und Kosten die ausgewogenste Konstruktion und das Rückgrat der Raumstreitkräfte. Mit der Erfindung des Dreadnoughts und dann des Superdreadnoughts wurde der schon vorher laufend vergrößerte Zweidecker zum Drei- und schließlich teilweise sogar Vierdecker, verbunden mit einer laufenden Steigerung der Geschützzahlen und Kalibergrößen.

Diese späten Wallschiffe waren so groß, so schwer gepanzert, so schwer bewaffnet und so stabil, dass sie von Raketen nicht mehr in angemessener Zeit zerstört werden konnten und kleinere Gegner hatten überhaupt keine Möglichkeit, ein solches Schiff merklich zu beschädigen. Die einzige Möglichkeit, einen Dreadnought oder Superdreadnought zu vernichten, waren die enormen Energiebatterien eines anderen (Super-)Dreadnoughts. Mit dieser Tatsache wurde die numerische Überlegenheit an Wallschiffen zum entscheidenden Faktor in jedem Krieg und Raumgefechte zu formalisierten Ritualen, in denen sich die unterlegene Seite jederzeit zurückziehen konnte und so lange keine Entscheidung errungen wurde, bis eine Seite an einen Punkt gebracht wurde, an dem sie ein Ziel unbedingt verteidigen, sich also auf das Energiegefecht einlassen musste - und dann entschied die Anzahl und Art der Wallschiffe über Sieg oder Niederlage. Konflikte zwischen kleineren Flotten ohne Wallschiffe waren zwar noch dynamischer, aber auch hier dominierte letzendlich das Energiegefecht, wenngleich kleine Einheiten weiterhin eine gewisse Verletzlichkeit gegenüber Raketenbeschuss aufwiesen.

Die Rückkehr der Rakete - 1850 bis 1911 PD

Mark-16
Detonationssequenz einer Mark 16

Die erste, wohl wichtigste Änderung erfolgte 1854 PD im Sternenkönigreich von Manticore. Unter der permanenten Bedrohung durch die immer aggressiver agierende Volksflotte von Haven suchte die Royal Manticoran Navy nach einem Weg, die eigene numerische Unterlegenheit zu kompensieren. Dabei war von Anfang an klar, dass das Sternenkönigreich die viel größere und stärker bevölkerte Volksrepublik Haven nicht würde totrüsten können. Die VFH besaß bereits einen schlagkräftigen Schlachtwall und konnte Verluste viel leichter kompensieren, damit besaß sie die beiden entscheidenden Vorteile im Energiewaffengefecht. Die RMN musste ihre zahlenmäßige Unterlegenheit also durch technische Überlegenheit kompensieren und in völlig neuen Bahnen denken, auch wenn sie ihre eigenen Schiffe mangels Alternativen zunächst noch nach dem "klassischen" Schema konzipierte. Wenn aber das Energiewaffengefecht der VFH alle Vorteile schenkte, so musste die RMN gerade diese Gefechtsart nach Möglichkeit vermeiden, also einen anderen Weg finden. Und der einzige andere gangbare Weg war das Distanz- also das Raketengefecht. Folglich musste irgendwie die Effektivität der Rakete in den Bereichen Treffsicherheit, Reichweite und Schadenswert massiv gesteigert werden.

Als besonders vielversprechend zeigte sich hierbei das bereits lange bekannte Konzept des Lasergefechtskopfes, einer von einer Atomexplosion angetriebenen Laserwaffe, die auf eine Rakete montiert werden konnte. Im Labor hatte das Prinzip bereits Jahre zuvor funktioniert, aber diese ersten Erfolge waren wenig beeindruckend gewesen und die Solarian League Navy hatte kein Interesse an einer Waffe gezeigt, die ihre absolute numerische Überlegenheit gefährden konnte. Die RMN dagegen stürzte sich auf dieses Konzept, startete mit Projekt Gram ein eigenes Entwicklungsprogramm und 1854 PD war es geschafft - die RMN führte den ersten praktikablen Lasergefechtskopf für den Einsatz auf Großkampfschiffsraketen ein.

Die Veränderung war signifikant - auf einen Schlag verwandelte sich eine fast nutzlose Kontaktwaffe in einen Flugkörper, der auf mehrere (zehn)tausend Kilometer Entfernung angreifen und dabei mehrere Laserimpulse erzeugen konnte, die jeder für sich stark genug waren, um Seitenschilde und Panzerung eines Superdreadnoughts glatt zu durchschlagen, anstatt nur oberflächlichen oder gegen aktivierte Seitenschilde gar keinen Schaden anzurichten. Mit einem Glückstreffer in lebenswichtige Systeme war es nun sogar möglich, einen Superdreadnought mit Raketenbeschuss zu vernichten und Lasergefechtsköpfe ließen sich zudem auch auf Raumminen montieren, die damit ebenfalls zu Abstandswaffen wurden. Zunächst waren diese neuen Gefechtsköpfe wenig leistungsfähig und nur für Wallschiffe verfügbar, aber die Vorteile waren zu groß, als das nicht in kürzester Zeit kleinere, leistungsschwächere, aber für Kreuzer und Zerstörer ausreichende Lasergefechtskopfraketen entwickelt wurden. Mit diesen Raketen war die RMN nun in der Lage, die numerisch überlegenen Schlachtgeschwader der VFH schon im Anmarsch zu bekämpfen und zu schwächen - und konnte sich dennoch dem Energiewaffenduell wenn nötig entziehen. Zwar zog die VFH schnellstmöglich nach, doch zu dem Zeitpunkt, an dem die VFH ihre eigenen Lasergefechtsköpfe einführte, verfügte die RMN bereits über verbesserte und leistungsfähigere Modelle. (HoS)

Damit blieb noch das Problem der Reichweite. Die übliche Energieversorgung mittels Speicherring beschränkte die Raketenreichweite massiv. Zwar erreichten Raketen mittlerweile eine Reichweite aus dem Stand von 6.000.000 Kilometern, aber diese Distanz ist in Weltraumdimensionen eher gering. Zumal war es die übliche Reichweite aller Raketen. Mit anderen Worten: Wenn die RMN ihren Gegner beschießen konnte, dann konnte der auch zurückschießen und somit war alles wieder beim Alten. Mit Projekt Mjölnir startete die RMN zeitgleich zu Projekt Gram daher ein Forschungsprogramm, mit dem die Reichweite der Raketen deutlich gesteigert werden sollte.

Darstellung des Aufbaus und der Größenverhältnisse zwischen einer Raketengondel sowie ihrer Munition und einer Pinasse

Der nächste, ebenfalls von der RMN unternommene, signifikante Schritt war die Wiederbelebung der bis dahin als veraltet angesehenen Raketengondel. Zu Beginn der Raumkriegsführung mit Raketen hatte man mit Drohnen voller Raketen experimentiert, um die eigenen Salven zu verstärken, und sie eine Zeit lang erfolgreich genutzt, aber die Einführung von Massetreibern, die den von Bord gestarteten Raketen zusätzlichen Impuls verliehen, sorgte dafür, dass die Gondeln verschwanden, denn die Massetreiber waren zu groß, um in Gondeln verbaut zu werden und dadurch spaltete sich die Raketensalve unweigerlich in zwei Teile auf, die separat bekämpft werden konnten. Eigentlich hatte die manticoranische Waffenentwicklungskommission unter Admiral Sonja Hemphill nach einem Weg gesucht, Leichte Angriffsboote wieder effektiv zu machen. Dass die dafür entwickelten massetreibergestützten Raketenwerfer nun in Gondeln verbaut werden würden, war eigentlich nicht beabsichtigt gewesen... aber die Wirkung war durchschlagend. Plötzlich besaß die RMN eine autonome Waffenplattform, die von Raumschiffen ins Schlepp genommen werden konnte und die die Eröffnungsbreitseite eines Schiffes im Raketengefecht vervielfachte - und auch leichten Einheiten den Einsatz von Raketen im SD-Kaliber erlaubte. Wie sehr dies von Bedeutung war, zeigte sich 1905 PD in der Ersten Schlacht von Hancock Station, als der dortige manticoranische Wachverband, der "nur" aus acht Schlachtkreuzern und acht Kreuzern bestand, eine Raketensalve abfeuerte, die zwei komplette Superdreadnoughtgeschwader nicht hätten abfeuern können und damit ein havenitisches Dreadnoughtgeschwader eiskalt erwischte. (HH3)

Die Raketengondel relativierte bis zu einem gewissen Grad das Gesetz von der automatischen Überlegenheit großer über kleinere Einheiten, und auch wenn Kreuzer ein zeitlich ausgedehntes Gefecht gegen Wallschiffe weiterhin nicht gewinnen konnten, so konnten sie ihnen nun immerhin Schäden zufügen. Sie konnte von praktisch jedem Schiff geschleppt werden, nur die Anzahl variierte mit der Größe des Schiffes - größere Schiffe konnten mehr schleppen. Allerdings gab es drei große Nachteile - sie war nicht mobil, in "Feuerstellung" hing sie außerhalb des Impellerkeils des Schiffes und wirkte wie ein Bremsanker, die Beschleunigung des Schiffes sank also, was die Gegenseite auffassen konnte und da sie ungepanzert ist, also durch Nahenschläge zerstört werden kann, mussten alle verfügbaren Gondeln in der ersten Salve benutzt werden und die Stärke der Folgesalven war dann wieder von der Anzahl der Bordraketenwerfer abhängig. Nichtsdestotrotz boten Raketengondeln einen massiven Vorteil und sehr schnell entwickelten die Haveniten ihre eigenen Versionen... wodurch sich das Rüstungsrad weiterdrehte. Und die RMN hatte bereits die nächsten Ideen am Start.

Gondelleger, Mehrstufenrakete, Angriffs-LAC und Trägerschiffe - 1911 bis 1914 PD

Schon kurz nach dem ersten erfolgreichen Einsatz der neuen Raketengondeln war klar, dass die gegenwärtige Situation nur ein Notbehelf war. Die Raketengondel stellte eine signifikante Verstärkung der Fernkampffähigkeiten dar, aber sie war auf wenige Exemplare pro Schiff und auf die Eröffnungsalve begrenzt. Hinzu kam die Notwendigkeit der Feuerleitung, die die vorhandenen Kapazitäten, die auf die Anforderungen der Breitseitenbewaffnung ausgelegt waren, schnell überlasten konnte. Durch die Raketengondel war es andererseits nun aber möglich, innerhalb kürzester Zeit so viele Raketen auf ein Ziel abzufeuern, dass dessen Verteidigung schlicht übersättigt wurde und hatte es zuvor Stunden gebraucht, um einen Superdreadnought mit Hunderten von Einzeltreffern langsam und mühsam Stück für Stück buchstäblich in Stücke zu schießen, so ließen sich diese Hunderte Treffer nun innerhalb von wenigen Sekunden erzielen und somit ein überlegener Schlachtwall signifikant schwächen, zudem benötigte man zwar immer noch viele, aber insgesamt weniger Raketen, um einen SD zu vernichten - aber es gelang eben nur in der Eröffnungssalve, danach war das Raumgefecht ein genau so mühsames Unterfangen wie zuvor. Zwar konnten nun auch überlegene Gegnerverbände erfolgreich angegriffen und bekämpft werden, aber entscheidende Gefechte sahen anders aus, wie die Royal Manticoran Navy auf ihrem mühsamen Vormarsch auf das strategisch wichtige Trevor's Stern System schnell feststellen musste. Es musste also ein Weg gefunden werden, die Raketengondel in größeren Stückzahlen mitzuführen und zudem einen Schutz vor Naheinschlägen zu bieten.

Das Ergebnis war so simpel wie kompliziert und erforderte nicht weniger als einen komplett neuen Schiffstyp. Die Lösung selbst war relativ einfach - wenn die Gondel im Schlepp das Schiff verlangsamte, nur begrenzt mitgeführt und durch Nahtreffer vernichtet werden konnte, dann musste man eben genug Gondeln bis zu ihrem Einsatz innerhalb der Schwerkraftsenke des Schiffes hinter den Seitenschilden und der Panzerung lagern - mit anderen Worten: Das Schiff brauchte einen Gondelfrachtraum! Die grundlegende Idee war praktisch von handelsüblichen Frachtschiffen abgeschaut, die Krux lag in dem kleinen, aber wichtigen Detail, dass dieser Frachtraum nicht nur irgendwie in den bereits jetzt schon vollgestopften Rumpf eines Kriegsschiffes gequetscht werden musste, sondern außerdem auch noch mitten im Gefecht in der Lage sein sollte, Gondeln ins Weltall auszuwerfen! Folglich waren die Ingenieure der RMN gezwungen, das Schiff praktisch um den Gondelfrachtraum herum zu bauen, was den kompletten Neuentwurf mindestens des letzten Drittels des Schiffes erforderte. Das Ergebnis waren die als Gondelleger bezeichneten Superdreadnoughts der Medusa Klasse. Mit ihnen war es möglich, pro Schiff mehrere hundert Raketengondeln ins Gefecht zu transportieren und mit jeder Salve hunderte Raketen pro Schiff abzufeuern.

Zeitgleich mit den Gondellegern entwickelte die RMN zudem ein völlig neues leichtes Angriffsboot, dass in der Lage sein sollte, leichtere Schiffe zu bekämpfen und hyperraumfähige Schiffe von Systemverteidigungspflichten zu befreien. Der Gedanke dahinter war ebenfalls simpel - ein einzelnes LAC konnte wenig bewirken, aber ein ganzer Schwarm konnte einem feindlichen Verband ordentlichen Ärger bereiten... vor allem, wenn jedes LAC einen Graser im Schlachtkreuzerkaliber trug und zudem auch noch Raketen abfeuern konnte, wie sie von Zerstörern und leichten Kreuzern verschossen wurden. Die Frage, wie ein nicht hyperraumfähiges LAC in einer Offensivoperation eingesetzt werden kann, war ebenfalls schnell geklärt - man bediente sich des gleichen Prinzips, mit dem im 20.Jahrhundert CE Flugzeuge auf hoher See eingesetzt worden waren - man konstruierte ein Trägerschiff, in diesem Fall so genannte LAC-Träger. In der RMN übernahm die Minotaur Klasse diese Funktion.

Und als krönenden Abschluss entwickelte die RMN parallel zu all dem deutlich verbesserte Energieerzeugersysteme, verbesserte Aufklärungsdrohnen und zu guter Letzt die gewünschte reichweitengesteigerte Rakete, die sie in ihre verbesserten Gondeln stecken konnte, die dann wiederum in den neuen Gondelleger verstaut wurden.

1914 PD war der Zeitpunkt gekommen, all diese neuen Waffen und Schiffe zum Einsatz zu bringen. Der Erfolg war durchschlagend. In einer Serie von sehr einseitigen Raumgefechten fegte die RMN durch die Linien der VFH, zerschmetterte jeden haventischen Verband, der sich ihr in den Weg stellte und brachte die VFH und die Volksrepublik an den Rand des Zusammenbruchs. Nebenbei begrub sie drei Jahrhunderte des taktischen und strategischen Stillstandes und machte auf das Energiewaffengefecht optimierte Kriegsschiffe praktisch nutzlos. Allerdings sollte es eine Weile dauern, bis sich diese Erkenntnis herumsprechen sollte. Fürs Erste merkten nur die Haveniten schmerzhaft, was die Stunde geschlagen hatte.


Das Zeitalter der Raketenschiffe - 1915 bis heute

Der Erste Havenkrieg veränderte die Regeln des Raumkampfes, aber der größte Teil der Galaxis verpasste diese Veränderung zunächst komplett. Auf den erfolgreichen Ersteinsatz durch die RMN folgte - infolge der Inkompetenz der Regierung High Ridge - ein unvollständiger Sieg, dem ein neuer Krieg folgte. In der Zwischenkriegszeit entwickelte die RMN ihre Systeme weiter, doch die geschlagene, aber nicht besiegte Haven Navy zog nach und entwickelte ihre eigenen Versionen an Gondellegern, Mehrstufenraketen, modernen LACs und LAC-Trägern. Und damit war sie so erfolgreich, dass sie 1919 PD mit Unternehmen Donnerkeil zum Gegenschlag ausholen und der RMN die schwerste Niederlage ihrer Geschichte beibringen konnte. Bis 1921 PD verfeinerten sowohl die RMN als auch die HN ihre Doktrinen, feilten an Taktiken und verbesserten ihre neuen Schiffe, denn logischerweise gab es keinerlei vorangegangenen Erfahrungswerte, auf die man sich hätte stützen können. Der Zwote Havenkrieg war kein statischer, formalisierter Krieg mehr, er war eine Abfolge von präzisen Schlägen gegen tief im Hinterland liegende Ziele und gegnerische Schiffsverbände, bei denen die beteiligten Flotten ihren Gegner auf größtmögliche Distanz zu bezwingen suchten. Energiewaffenduelle zwischen Wallschiffen kamen praktisch nicht mehr vor, dafür kämpften LACs mit schweren Energiegeschützen und "Anti-LAC-Raketen" gegeneinander und stemmten sich als Verteidiger zusammen mit massiv verstärkten Abwehrbatterien gegen Raketenstürme, wie sie noch kein Mensch zuvor je gesehen hatte.

All diese neuen, revolutionären Dinge benötigen natürlich vor allem eines: Platz! Platz, der in der benötigten Menge vorerst nur an Bord von Superdreadnoughts zur Verfügung stand, aber die Revolution ging auch an kleineren Einheiten nicht vorbei. Auch Kreuzer und Zerstörer wurden noch stärker als zuvor zu "Raketenschiffen", allerdings mit reduzierter (für ihre Bedürfnisse aber völlig ausreichender) Reichweite.

Was sich in diesen Raketengefechten, die auf Entfernungen von bis zu 60 Millionen Kilometern geführt wurden, schnell herausstellte, war die völlige Überforderung der Feuerleitung. Auf diese Distanzen betrug der "Zeitlag" bis zu 3,5 Minuten.. in einer Richtung. Es war praktisch unmöglich, die Raketen ab einer gewissen Entfernung überhaupt noch zu steuern, und so verließen sich beide Seiten auf vorprogrammierte Endanflugprofile und es war erforderlich, jedes anvisierte Ziel regelrecht mit Raketen zu "übersättigen". Feuerleitoffiziere mussten immer mit Maximalzahl auf ein Ziel feuern und wurde dieses Ziel vorzeitig (zum Beispiel durch einen Glückstreffer) zerstört, so waren alle weiteren bereits darauf abgefeuerten Raketen verschwendet, denn sie konnten nicht auf ein anderes Ziel umgelenkt werden. Und schlimmer noch, natürlich reagierten beide Seiten auf die gewaltigen Salven mit massiver Verstärkung ihrer Abwehr, womit wieder stärkere Salven erforderlich wurden, was die Feuerleitung irgendwann nicht mehr bewältigen konnte, worunter die Treffsicherheit litt. War zuvor die Anzahl der verfügbaren Raketenwerfer der limitierende Faktor gewesen, so wurde es nun die Anzahl der verfügbaren Feuerleitkanäle und Rechnerkapazitäten. Das Prinzip, den Gegner mit schieren Massen von Raketen zu überschwemmen, sorgte zudem dafür, dass die Munitionsvorräte der nun Podnought genannten Gondelleger schnell verbraucht waren und die Tatsache, dass der größte Teil davon schlicht weggeworfen werden musste, um überhaupt Treffer zu erzielen, war nichts, was man einfach hinnehmen konnte.

Die Lösung bestand in der Nutzung externer Feuerleitdrohnen, die mittels Traktorstrahlern außerhalb des Impellerkeils mitgeschleppt wurden und zusätzliche Feuerleit- und Abwehrkapazitäten bereitstellten. Und als es manticoranischen Ingenieuren dann auch noch gelang, diese Drohnen mit FTL-Kommunikationssendern auszustatten und eine "FTL-Komrelais-Rakete" zu bauen, begann mit dem Apollo System 1921 PD das Zeitalter der überlichtschnellen Feuerleitung, die das Raketengefecht erneut revolutionierte. Nun war es nicht mehr nötig, den Gegner mit Massen von vorprogrammierten Raketen zu überschwemmen, nun konnte auf große Entfernungen gezielt und in Echtzeit geschossen werden. Welch enorme Feuerkraft eine Flotte Podnoughts entfesseln konnte, zeigte das Fanal des Zwoten Havenkrieges: In der Ersten Schlacht von Manticore benötigte die havenitische Zwölfte Flotte ganze 11,9 Minuten, um 42 Podnoughts und 48 Superdreadnoughts der manticoranischen Home Fleet auszuradieren. Und die Home Fleet schoss im gleichen Zeitraum 97 Podnoughts der havenitischen Flotte aus dem All und beschädigte 127. Die mehrere hundert Podnoughts starken Schlachtwälle beider Raumflotten brannten in diesem Gefecht, das insgesamt nur wenige Stunden dauerte, praktisch aus.


Während sich die Bedeutung dieser Veränderungen bis 1921 PD hauptsächlich auf den Haven-Sektor beschränkte und der Rest der Galaxis - vorne vorweg die Solarian League Navy - größtenteils die Entwicklung ignorierte und verschlief, so erfolgte 1922 PD der finale Weckruf. Und zwar auf die harte Tour, als in der Zwoten Schlacht von Manticore eine kombinierte Flotte aus manticoranischen, graysonitischen und havenitischen Podnoughts eine 600 konventionelle Superdreadnoughts starke solarische Angriffsflotte, die aufgrund massiv gestiegener Spannungen das "aufmüpfige" Sternenkönigreich besetzen sollte, mit minimalen Eigenverlusten zusammenschoss. (HH13)